Wie kommt man dazu,
Reliefs zu machen?
Schon als Kind war ich ein
Karten-Fetischist. Mit meinem Vater bin ich von
München oft ins Gebirge gegangen. Irgendwann, als
ich so zwölf, dreizehn Jahre alt war, habe ich
angefangen, die Berge zuhause nachzubauen. Ganz
kompliziert mit Drahtmodellen und Spachtelmasse.
Erst später habe ich erfahren, dass der Reliefbau
eine fast 200jährige Tradition hat.
Das Hobby zum Beruf zu
machen, habe ich erst um 2007 begonnen. Da habe
ich bei der Bundeswehr aufgehört, wollte mich
selbstständig machen und habe versucht, neben
meinen zwei Einkommensquellen Bergführen und
Bücherschreiben den Reliefbau als drittes
Standbein aufzubauen. Diese Kombination, zu
jeweils ungefähr gleichen Teilen, ist optimal und
bietet viele Synergien; von jedem Teiljob alleine
leben wollte und könnte ich nicht.
Gibt es viele
Reliefbauer?
Als Hobby betreiben das
sicher einige Bergbegeisterte. In der
kompromisslosen Detailqualität, wie ich sie
anstrebe, gibt es aber eigentlich nur den
Schweizer Toni Mair. Der ist mittlerweile 70 Jahre
alt und hat über das "Kunsthandwerk" Reliefbau ein
Buch geschrieben. Darin schrieb er, es wäre schön,
wenn diese Kunst nicht ausstürbe und junge Leute
sich dafür begeisterten. Daraufhin habe ich ihn
angemailt, und mittlerweile besuche ich ihn
häufiger in der Schweiz zum Gedankenaustausch. Wir
schätzen uns sehr.
Welche Vorkenntnisse
braucht man dafür?
Räumliches
Vorstellungsvermögen, Erfahrung im Kartenlesen,
ein gewisses handwerkliches Geschick - und
Begeisterung für die Berge schadet auch nicht. Ich
habe zwar Geodäsie, also Vermessungswesen,
studiert, aber das hat mir nichts Entscheidendes
für den Reliefbau gebracht, höchstens den Umgang
mit spezieller Geo-Software. Im Prinzip habe ich
mir alles autodidaktisch angeeignet und habe dabei
eine ähnliche Entwicklung durchgemacht wie der
Reliefbau in seiner Geschichte: Im 16. Jahrhundert
hat man zuerst die Gipfel und Gratlinien mit Draht
modelliert und dann die Flächen aufgefüllt, erst
durch die Karten mit Höhenlinien ab dem 19.
Jahrhundert wurden die Reliefs exakter.
Wie funktioniert der
Reliefbau genau?
Toni Mair hat das in seinem
Buch ziemlich genau beschrieben. Ich übertrage
zuerst - wie bei einem Kartoffelschnitt - die
Höhenlinienbilder aus der Karte auf hauchdünne
Sperrholzplatten von 0,2 bis 2 Millimeter. Anhand
der Gitterlinien zentriere ich diese Schnitte und
klebe sie aufeinander. Von dieser groben Bergform
mache ich einen Gipsabguss, aus einem speziellen
Material mit chemischen Zusätzen, das fast so hart
wie Porzellan wird, kein Wasser zieht und
lebenslang fest bleibt. Aus diesem Gipsabguss
arbeite ich mit Holzschnitzwerkzeugen die
Detailformen heraus, die das authentische
Landschaftsbild ausmachen.
Als da wären?
Wälder, Gletscher, Spalten;
ein typisches Beispiel ist der Bergschrund: ein
winziges Detail, das vom Höhenlinienmodell nicht
erfasst wird, aber von weitem zu sehen ist und für
den Bergsteiger zum Wesen einer Eiswand gehört.
Berghütten und Häuser dagegen kann ich nur bei
Maßstäben von 1:25.000 oder größer in natürlicher
Größe darstellen. Auch Überhöhung ist für mich ein
absolutes Tabu: Die Berge sind von Haus aus so
steil und eindrucksvoll, das muss man nicht noch
überzeichnen. Das tolle am Relief ist, dass es
genau so aussieht wie der richtige Berg.
Und wann ist das Relief
fertig?
Der beschnitzte Gipsguss ist
mein Prototyp. Von dem kann ich für den Verkauf
weitere Gipsabgüsse abnehmen, die ich nur noch ein
wenig feinbearbeiten und von Hand bemalen muss,
mit wasser- und lichtbeständigen Acrylfarben. Für
den Prototyp würde ich, wenn ich durcharbeiten
würde, etwa drei bis vier Wochen brauchen, die
Bearbeitung eines Abgusses dauert netto einige
Stunden bis einen Tag. In der Realität aber läuft
es so, dass ich immer, wenn ich vom Führen zuhause
bin und etwas Zeit habe, wieder einige Stunden an
meinen Modellen arbeiten kann. So ergänzen sich
meine Berufe ganz günstig.
Könnte man die Roharbeit
nicht mit digitalen Geländemodellen und
computergesteuertem Modellbau
vereinfachen?
Die Erstellung des Rohmodells
könnte man automatisieren. Amerikanische
Reliefbauer etwa arbeiten fast ausschließlich mit
Computerhilfe, aber mir gefällt das nicht. Denn
selbst mit den besten Geländemodellen und
3D-Fräsen sieht das noch lange nicht so aus wie
ein wirkliches Gebirge. Die feinen Strukturen, die
für uns Bergsteiger die Wände und Grate erst
lebendig und faszinierend machen, kann man nur von
Hand richtig exakt herausarbeiten. Ich verwende
den Computer nur in der Planungsphase, um
festzulegen, welchen Geländeabschnitt ich abbilde.
Beim Relief selber ist es für mich auch ein
gewisses Arbeitsethos, dass alles Handarbeit
ist.
Woher kommen die
Informationen über die Geländeformen und
-oberflächen?
Für bekannte Berge stütze ich
mich vor allem auf Bildbände, für andere vor allem
auf Bilderdienste im Internet. Auch die Reality
Maps können gut sein, etwa für das
Wettersteingebirge. Einiges kann man auch aus
Google Earth sehen, auch wenn dort die Qualität
sehr unterschiedlich ist, aber für Berge im
Himalaya sind oft keine anderen Quellen zu
bekommen.
Nach welchen Kriterien
wählst Du Deine Reliefberge aus?
Anfangs waren das vor allem
die Berge, die mich persönlich interessierten.
Entweder, weil ich sie selber bestiegen oder
besucht hatte, wie Großvenediger, Glockner, Ama
Dablam, oder weil sie eine interessante
Topographie haben: komplizierte Formen und
Gratverläufe, Seen, Gletscher, große
Höhenunterschiede wie etwa die Rupalflanke am
Nanga Parbat. Der Kilimandscharo dagegen ist der
langweiligste Berg der Welt, topographisch ein
echter Maulwurfshügel. Seit ich meine Reliefs
verkaufe, baue ich auch berühmte Gipfel wie
Watzmann, Matterhorn, Montblanc, Everest. Zu große
Massive kommen kaum in Frage; das fertige Relief
muss ja im Wohnraum aufstellbar und bezahlbar
sein.
Wer kauft sich ein
Bergrelief?
Das weiß ich nicht, ich kenne
nur die Namen; ich nehme aber an, dass es private
Liebhaber sind wie ich selbst. Viele Leute kennen
Reliefs aus Museen, wissen aber nicht, dass man
sie kaufen kann. Von den beliebteren Gipfeln -
Watzmann und Everest - habe ich immer fünf bis
zehn Exemplare auf Vorrat, so dass ich genug Zeit
für eine neue Auflage habe, wenn Bestellungen
eingehen. Ich mache aber auch individuelle
Sonderanfertigungen, etwa für Firmen oder
hüttenbesitzende DAV-Sektionen.
Wieviele Reliefs hast Du
selber zuhause stehen?
Etwa 30-35, vor allem von den
Bergen, die ich selber bestiegen habe. Ich finde
das toll und viel attraktiver als ein Bild. In
unserem Wohnzimmer habe ich den Kangchendzönga
stehen, schön angeleuchtet; wenn man da vom
Esstisch rüberguckt, fühlt man sich wie in
Darjeeling.
Wolfgang Pusch (* 1975
in München) studierte Geodäsie (Vermessungswesen),
ist Heeresbergführer, Anwärter zum staatlich
geprüften Berg- und Skiführer und Autor mehrerer
Bergbücher und -führer im Bergverlag Rother. Seine
Reliefs präsentiert er auf Bergsteigermessen und
unter www.bergmodelle.de