Der schöne Stein

Berchtesgaden/Übersee: (23. Dezember 2009) - Manche Dinge sieht man nicht mehr, weil man sie kennt. Und jeden Tag vor der Nase hat. Größe spielt dabei keine Rolle. Wer in der Nähe des Watzmanns wohnt, blickt nicht pausenlos mit Staunen auf das Wahrzeichen Berchtesgadens. Doch das soeben im Rother-Verlag erschienene Buch »Watzmann« von Wolfgang Pusch beleuchtet auf 128 Seiten den Koloss der Ostalpen mit wissenschaftlicher Akribie und Freude am Detail. Und der Watzmann-Funke springt tatsächlich auf den Betrachter über. Pusch hat Geodäsie und Geoinformation studiert und verfolgt seit 2007 eine Karriere als selbstständiger Reliefhersteller, Autor und Bergführer. Der 34-Jährige ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Er lebt in Übersee und war bis 2007 Zugführer und Kompaniechef im Gebirgsjägerbataillon 231 Bad Reichenhall. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat ihn zum Mythos Watzmann und zu seinem neuen Buch befragt. Informationen auch unter www.bergmodelle.de.

 
  

Baut Berg-Reliefs und hat sich die letzten sechs Jahre dem Watzmann verschrieben: Autor und Bergführer Wolfgang Pusch.

Wie lange hat der Watzmann Sie schon im Griff?
Wolfgang Pusch: Ich habe mich sechs Jahre damit intensiv beschäftigt, bis das Buch fertig war. Es sollte kein Bildband werden, sondern wirklich eine Monografie mit populärwissenschaftlichem Charakter. Ähnlich meinen Büchern über den Großglockner oder den Ortler. 

Die Watzmannsage fehlt.
Pusch: Mir war bewusst, dass die Sage schon alle kennen. Das haben wir als bekannt vorausgesetzt.

Es ist ja auch nicht das erste Watzmann-Buch.
Pusch: Nein, aber beispielsweise das Standardwerk von Höfler und Zembsch ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Da war es Zeit für etwas Neues über den Watzmann. 

Wie würden Sie den Watzmann beschreiben?
Pusch: Trotz seiner geringen Höhe, im Vergleich zu anderen berühmten Bergen, ist der Watzmann einmalig in Gestalt und Geschichte. Allein der Aufbau und seine Doppelsilhouette sind etwas Besonderes. 

Woher kommt der Name? Haben Sie dazu etwas herausgefunden?
Pusch: Es gibt die Erklärung, dass der Name je nach Dialekt von waz, wass oder
wax stammt, was soviel wie scharf oder rau bedeutet. Als Eigenname kommt Watzmann bereits in Salzburger Urkunden des 8. und
12. Jahrhunderts vor. Er besitzt somit einen
der ältesten für einen Alpenberg nachgewiesenen Eigennamen. Und das war lange bevor
die Alpinisten kamen, er muss also den Menschen schon früh aufgefallen sein.  

 Sie beschreiben die wichtigsten Watzmann-Alpinisten. Um das Jahr der Erstbesteigung wurde ja lange gestritten. 
Pusch: Es gibt einen Bericht, den Valentin Stanic über eine Exkursion auf den Hohen Göll schrieb. Darin stellt er seine Großglockner-Besteigung aus dem Jahr 1800 eindeutig in Relation zu dem »gegen Süden liegenden höheren Spiz« des Watzmanns. Daraus ergibt sich, dass Stanic den Watzmann erstmals in der ersten Augustwoche 1800 bezwang.

Es gibt in Ihrem Buch neben Bildern aus ungewöhnlichen Perspektiven auch viele Karten und Reliefs. 
Pusch: Karten sind sehr aussagekräftig. Ich wollte damit auch anregen, sich über ein Thema besser zu informieren. Viele Leute fahren über den Königssee und sind dann überrascht, dass sie den Watzmann sehen. Das erstaunt mich schon, wie »blind« man durch die Welt laufen kann. Auf den Schwarz-Weiß-Reliefs, die sich im Buch finden, kommen geografische Besonderheiten besser heraus als auf Farbfotos. Sie sehen da, dass der Kleine Watzmann ein vorgelagerter Einzelgipfel ist und nicht in den großen Watzmann eingebettet.

Geht der Kleine Watzmann nicht allgemein etwas unter?
Pusch: Der Weg über den Kleinen Watzmann ist viel schöner als andere Routen, und die Westwand am Kleinen Watzmann bietet außerdem überhaupt die spannendsten Kletterrouten. Der Gesamteindruck wäre ohne den Kleinen Watzmann längst nicht derselbe. Erst der Kleine gibt dem ganzen Berg den Pfiff.
 
Die Watzmann-Fotos haben Sie zum Großteil selbst geschossen.
Pusch: Ich wollte das selbst machen. Und nicht zum 100. Mal das bekannte Foto von der Kneifelspitze. Dann schon eher die Südostflanke des Watzmanns von den Hachelköpfen aus, das kennt man weniger. Auf dem Titelbild sieht man den Mond ganz tief hinter der Paradeansicht des Watzmanns untergehen. Das kann man nur alle 18 Jahre so festhalten, wenn die Neigung der Mondbahn sich zur Neigung der Ekliptik addiert. Und dann muss für das Foto der Mond noch bei gleichzeitigem Sonnenaufgang untergehen - bei schönem Wetter.  

Sie bauen Reliefs von Bergen. Das klingt ein bisschen altmodisch in Zeiten von Google-Earth und dreidimensionalen Darstellungen am Computer. 
Pusch: Eine Computerdarstellung hat niemals das Flair eines gut beleuchteten Reliefs. Ich bin ein Verfechter des Reliefbaus und hier, das zeigt mir die Nachfrage nach meinen Modellen, liegen noch einige Chancen. 

Wer kauft Ihre Reliefs?
Pusch: Privatpersonen. Die gehen überall nach Deutschland. Hauptsächlich sind die Kunden dort, wo man die Alpen nicht mehr sieht.

Eine Darstellung zeigt den Watzmann vor 11 000 Jahren. Warum diese Zeitreise?
Pusch: Damals kalbte der Eisbachgletscher in den Königssee, die Halbinsel St. Bartholomä entstand erst danach. Berge sind nicht so unverrückbar, wie wir Alpinisten meinen. Die heutige Form des Watzmanns ist vor allem das Ergebnis von Erosion. Der Watzmann hat sich in seiner markanten Form nicht so emporgehoben, sondern ist nur der Rest weit größerer, abgetragener Strukturen. Der Watzmann dürfte heute seine »höchsten Tage« hinter sich haben. Der Gipfelgrat wird niedriger werden und sich nach Osten verschieben. Die Südspitze dürfte vielleicht in wenigen zehntausend Jahren höher sein als die dann abgetragene Mittelspitze. Und in einigen Millionen Jahren wird der Kleine Watzmann in den Königssee gebröselt sein. 

In den 1960er Jahren wollte man eine Seilbahn ins Watzmannkar bauen. Was sagen Sie aus heutiger Sicht dazu?
Pusch: Es ist gut, dass es den Nationalpark gibt. Ich will niemandem den Zugang zu den Bergen verwehren, aber es entsteht Ärger, wenn Leute auf den Skipisten nur Spaß suchen und gar nicht mehr wissen, wo sie eigentlich sind. Gut, dass es nicht so kam. Es soll ein gewisser Respekt vor der Schöpfung bestehen bleiben, gerade bei solchen Bergen wie dem Watzmann. Berge sind oft die Grundlage für eine andere Sicht auf die Dinge. 

Sind Bergtouren ein kalkulierbares Risiko?
Pusch: Ja. Es bleibt ein Restrisiko, doch das kann man vor allem durch Ausbildung und Ausrüstung minimieren. 80 Prozent der Unfälle passieren, weil die Leute nicht vorbereitet sind.Dr. Iris Melcher